Wie ehrlich bist du?
Gestern schrieb Stefan Hagen in seinem PM-Blog Artikel über das Buch Mythos Authentizität:
Denn bedingungslose Authentizität kann vom Umfeld sehr wohl als Schwäche interpretiert werden – gerade in Führungsetagen. Und man kann behaupten, was man will: Schwäche zu zeigen ist in Managementpositionen langfristig sicherlich nicht karriereförderlich!
Und Gunter Dueck schlägt in die selbe Kerbe:
„Papa, wir sind jetzt selbst wieder ab sofort ethisch und zeigen allen anderen, dass wir ein Vorbild sind. Ich will ethisch sein und beim Bösen nicht mitmachen.“ – „Aber du siehst an der ethischen Bank, dass sie damit pleite geht?“
Wenn man die beiden Artikel hintereinander ließt, kann einem das die Gute Laune verhageln. Ist es wirklich so, dass man als ehrliche Person oder ehrliche Firma keine Chance hat?
Ich denke und hoffe, das beide Autoren einen Fehler machen. Einen Fehler in der Zielplanung.
Stefan Hagen zielt auf die Karriere. Wenn man Karriere an Personen wie Josef Ackermann festmacht, oder Politikern. Nun, dann ist eine Ausbildung beim Käpt’n Blaubär in Lügen, Betrügen und Behumsen wohl angeraten. Aber ist das wirklich das Karriereziel? Meins sicher nicht. Und ich bin mir ziemlich sicher, das Reichtum und Macht die meisten Leute nicht sonderlich glücklich macht, wenn sie es mit einer konstanten Lüge bezahlen müssen.
Und ich möchte auch nicht für jemanden wie Herrn Ackermann arbeiten.
Der ideale Manager ist in meinen Augen durchaus führungsstark. Aber ein Manager, der glaubt er könnte dauerhaft und ununterbrochen den starken Mann machen, hat entweder psychische Probleme, oder überschätzt sein schauspielerisches Talent. Mir ist ein authentischer Chef alle mal lieber, der auch so ‘einfache’ Sätze wie:
You are right. I screwed up. I’m sorry.
über die Lippen bringt, aber ein Danke, wäre auch schon nicht schlecht.
Das Ziel, das Gunter Dueck für Vater und Sohn in seinem Dialog vorsieht, ist zwar löblich, erfüllt aber ein wesentliches Kriterium für ein gutes Ziel nicht: Realismus. Dies ist schließlich genau das was er feststellt:
„Wir überzeugen alle!“ – „Ach Kind, das geht nur im Kino.”
Aber um ehrlich Erfolg zu haben braucht man keine auschließlich ehrliche Umwelt, nicht einmal eine Mehrheit von ehrlichen Mitbewerbern, sondern nur ein paar Kunden, die man durch Ehrlichkeit gewinnen, halten und zufrieden stellen kann. Das gilt für einzelne Personen, wie für Unternehmen.
Natürlich gibt es die Kunden, die nur auf den Preis schauen und es ist ärgerlich, wenn man einen Auftrag nicht bekommt, weil man einen realistischen Preis für ein gutes Produkt bietet. Aber mehr als einmal haben diese Kunden ein halbes Jahr später wieder angeklopft um ein total vermurkstes Projekt wieder auf solide Füsse zu bekommen.
Ehrlichkeit rentiert sich durchaus.
Wie sehen eure Erfahrungen aus? Geht es nur mit Lügen und Betrügen? Oder kommt ihr auch ehrlich gut und zufrieden durchs Leben?
Ich denke, wir haben hier ein kleines Verständnisproblem. Denn für mich ist es nicht grundsätzlich verwerflich oder gar unehrlich, in bestimmten Situationen eine “Rolle” zu spielen und dadurch nicht 100 % authentisch zu sein.
Beispiel: Sie präsentieren die Zwischenergebnisse Ihres 1 Mio EUR Projekts vor der Geschäftsleitung. Bislang ist in diesem Projekt alles – bis auf einige wenige Punkte – sehr gut gelaufen. Diese Präsentation ist in mehrerlei Hinsicht eine große Chance für Sie.
Heute Morgen hatten Sie allerdings mit Ihrer Frau einen riesigen Krach, außerdem sind Sie erkältet und fühlen sich mau. Möchten Sie sich dies anmerken lassen? Wohl eher nicht. Sie werden in Ihre “Rolle” als professionelle/r und führungsstarke/r Projektleiter/in schlüpfen. Nur keine Schwäche zeigen.
Ist das unehrlich? Ich finde nicht. Ist das verwerflich oder gar Betrug? Ich finde auch nicht.
Ethik, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit ist in unserer aktuellen Wirtschaftswelt wichtiger denn je, da sind wir uns einig. Dass es eben um diese “Wirtschaftsethik” vielfach schlecht bestellt ist, ist für mich unbestritten. Das widerspricht sich jedoch nicht mit dem Inhalt des Buches von Rainer Niermeyer – für mich jedenfalls nicht.
Hallo Stefan,
da hab ich dich in der Tat missverstanden. Aber die von dir beschriebene Situation würde ich nicht nur als ehrlich und ethisch in Ordnungs beschreiben, sondern auch als authentisch und nicht als ‘eine Rolle spielen’.
Authentisch bedeutet ja, das ein Handeln aus der betrachteten Person kommt und nicht aus externen Einflüssen (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Authentisch#Authentizit.C3.A4t_von_Personen ). Es bedeutet nicht, dass ich mein komplettes Seelenleben offen lege.
Aber wenn ich ein flaues Gefühl bei einer Aufgabe habe wird das mein Kollege und mein Auftraggeber erfahren. Denn nur so weiß er, dass er sich auf meine Aussage verlassen kann, wenn ich sage ‘kein Problem’. Heißt natürlich nicht, dass man auf Schwächen und Befürchtungen rumreiten und sie unnötig betonen muss.
Jan A. Poczynek hat auf meinem Blog via Kommentar einiges relativiert – er hat das Buch gelesen. Der Titel verleitet offensichtlich zu Missverständnissen und unterschiedlichsten Interpretationen:
http://pm-blog.com/2008/11/03/authentizitaet/#comments